Jul 26
2016

Coaching-Wandern im Tannheimer Tal

Wandern kennt jeder. Coaching kennen viele. Aber beides zusammen? Ich hab´s ausprobiert. Drei Tage Tannheimer Tal mit Coach Cornelia Rüttiger und vier weiteren Frauen. Der Quotenmann ist  kurzfristig abgesprungen. Doch bevor es um´s eigentliche Coaching-Wandern geht, steige ich erst mal mit einem sehr speziellen Sauna-Erlebnis ein.

Coaching-Wandern im Tannheimer TalAngereist bin ich zusammen mit Anne (ja, auch Anne) bereits am Donnerstag – wir wollten uns nicht den Stress geben, Freitags morgens um 5 Uhr ins Auto zu steigen. Anne, die ich schon von einem Wanderwochenende im Odenwald kannte, hat uns ein schönes Wellness-Hotel direkt am Haldensee rausgesucht. Günstig war´s auch, es gab Baustellenrabatt. Laut Rezeptionistin nicht der Rede wert, die Baustelle. Um es kurz zu machen: Das Hotel war eine einzige Baustelle. Und wir die einzigen Gäste. Immerhin konnten wir den Saunabereich nutzen. Kaum waren wir schön angeschwitzt, wurde es dunkel, nur noch Notbeleuchtung. Nach ein paar ratlosen Minuten kam ein Hotelangestellter und die Erklärung: Stromausfall wegen Gewitter im ganzen Tal, Fahrstuhl geht nicht. Treppe wegen Baustelle Fehlanzeige. Der einzige Weg ginge durch den neu gebauten Fahrstuhlschacht. Jetzt stellt Euch bitte vor: Wir zwei, frisch sauniert und nur in weiße Bademäntel gehüllt, Turban auf dem Kopf und Hotelfrotteeschlappen in Größe 46, schlurfen dem Kerl hinterher – durch eine Tür in den Rohbau. Über Schutt, Dreck, Speiskübel ging es kreuz und quer durch die Katakomben, alles im Licht einer Taschenlampe.

Das Highlight war dann der Aufstieg durch den neuen Fahrstuhlschacht über eine wacklige Holzleiter über zwei Etappen. Denkt bitte an den Bademantel und die Frotteeschlappen. Die Leiter war zudem etwas kurz, aber von oben haben schon zwei weitere Hotelangestellte in schmuckem Kellner-Outfit gezogen, während der andere kräftig von unten nachgeschoben hat. Schmerzensgeld: Flüssig, leider nur ein Glas.

Das also war der Auftakt. Freitag morgen, 10 Uhr Treffpunkt und kurzes Kennenlernen. Unser Gepäck: Ziemlich minimalistisch, ich habe nicht mal eine zweite Wanderhose dabei.

Bekloppte auf der Wiese

Conny, Coach und Tourguide, steigt gleich mit Entspannung ein, denn auch das gehört dazu. Erst mal stehen und wahrnehmen. Und das, glaubt mir, ist gar nicht so einfach wenn man das nicht übt.

Die Leute im benachbarten Café schauen uns an, als wären wir Bekloppte, wie wir da so auf der Wiese stehen. Egal. Dann kommt die erste Coaching-Aufgabe: Wie wollen wir uns am Sonntagabend fühlen? Auch nicht einfach, vor allem wenn man das auch noch aufschreiben soll.

Schnell wird klar: Jede hat so ihr Thema, das sie in dieses Wochenende mitbringt. Was allerdings auch klar ist: So eine Tour ist keine Therapie und nicht für jemanden geeignet, der gerade an einer ganz akuten psychischen Belastung leidet und nicht stabil ist.

Wandern, Coaching und Entspannung – das soll uns jetzt die nächsten drei Tage erwarten. Und so steigen wir erst mal von Haller auf das Gimpelhaus auf. Es geht echt ordentlich hoch, und der Rucksack ist ungewohnt schwer. Am Sonntag werden wir ihn allerdings kaum noch auf dem Rücken spüren.

Im Gimpelhaus werfen wir Ballast ab und steigen weiter hoch, bis auf die Rote Flüh. Hier geht es durch Geröllfelder an Altschneefeldern vorbei – Alpenromantik mit Bergziegen inklusive. Zwischendurch gibt es immer wieder Übungen, die uns zum Nachdenken bringen – und unser Gequatsche über Job, Männer, Kinder stellt Conny dann auch mal ganz resolut ab.

Immer wieder gibt es Aufgaben und Stoff zum Nachdenken: Unterwegs sammeln wir Kleinigkeiten, die für unsere Werte stehen. Um sie dann später auf den Prüfstand zu stellen: Gehören die noch zu mir? Haben sie für mich noch eine positive Funktion, oder trage ich hier die Werte meiner Eltern, Großeltern, Lehrer mit mir? Laufen und Denken – das geht gut zusammen.

Auf die Rote Flüh geht es nur mit einigem Gekraxel, wir sind hoch konzentriert und müssen schauen, wo wir den nächsten Griff oder den nächsten Tritt finden. Umso schöner dann, als wir am Gipfelkreuz stehen. Der Abstieg kostet dann echt Nerven und dauert – hier sind wir jetzt nur darauf konzentriert, uns nicht den Hals zu brechen. Aber wir wollten ja unbedingt ganz rauf, geplant war das nicht.

Und ich stelle fest, dass mein Equipment suboptimal ist. Zwar habe ich gut eingelaufene Wanderschuhe der Marke meines Vertrauens an den Füßen, aber auf Wanderstöcke habe ich verzichtet. Stöcke! Pfff…brauch ich nicht. Und war dann so froh, dass Conny mir zeitweise ihre geliehen hat.

Mein Arm ist ganz schwer…

Zurück auf der Hütte geht es dann mit Progressiver Muskelentspannung und Autogenem Training weiter – das sollten wir in den nächsten Tagen immer wieder mal machen. Erstaunlich, wie schnell man mit den richtigen Methoden in tiefe, angenehme Entspannungszustände kommen kann. Mit ihrer angenehmen Stimme hat Conny uns dann übrigens auch in den Schlaf entspannt…Ich bin ganz ruhig…mein Arm ist angenehm schwer… Wer sich jetzt einen grinst soll es doch einfach mal ausprobieren.

Nächster Morgen: Zackzack, früh raus…Frühstück und weiter geht’s. Vom Gimpelhaus laufen wir zur mittlerweile geschlossenen Tannheimer Hütte, wo wir erst mal unsere Meridiane aktivieren, die Ohrläppchen kneten und unsere Gehirnhälften neu verbinden. Jetzt kommt eine wunderbare Wanderstrecke, die wir zumeist alleine und schweigend laufen. Conny gesellt sich immer mal wieder zu einer von uns und stellt ein paar Fragen. Ja, die wirken erst mal harmlos, aber ruckzuck ist sie mittendrin.

Coaching heißt nicht, Antworten geben. Coaching heißt, mit den richtigen Fragen Impulse setzen. Und das macht Conny mit viel Einfühlungsvermögen.

Je klarer der Kopf wird, desto mehr verdichtet sich der Nebel – der Aufstieg zum  Sabachjoch geht ja noch – der Abstieg zur Musauer Alm hat es dann in sich. Nebel und Regen – letzterer in Strömen. Über unwegsames Gelände steil bergab, das Wasser läuft in unserer Schuhe, ein Weg ist schon gar nicht mehr erkennbar. Jetzt ist erstmal Schluss mit Coaching – und doch lernt man wieder was:  Langsam machen, immer nur den nächsten Schritt vor Augen haben. Und wenn man erst mal richtig nass ist, dann ist der Regen auch egal. Jetzt kommt noch ein schönes Gewitter dazu – wir sehen Kühe, die sich ängstlich in Mulden drücken. Kuhfladen, die sich mit dem Regen zu einer schmierigen Masse verbinden, sind übrigens so richtig sch…

Der Abstieg dauert gefühlt ewig. Unten angekommen, die Hütte schon in Sicht, treffen wir auf zwei jugendliche Mountainbiker, der eine in Turnschuhen, der andere in Stoffschlappen. Aufs Joch wollen sie hoch, ob´s denn hier lang ginge…Jetzt wird unser immer so liebenwerter Guide Conny mal so richtig ungemütlich und faltet die beiden Jungs erstmal zusammen: Mit solchen Schuhen geht man nicht in den Berg! Und schickt die beiden einfach zurück. Recht hat sie, ein unmögliches Unterfangen und gefährlich dazu.

Hüttenfreuden

Jetzt noch die letzten Meter zur Hütte Musauer Alm (hier lang) – die Belohnung ist herrlich. Wir sind zwar alle aufgeweicht, aber wie schön ist das wenn man dann im Trockenen und Warmen sitzt, bei Gulaschsuppe, Topfenstrudel (der war sensationell gut) und anderen feinen Sachen.

Von hier aus ist es nicht mehr weit, eine Stunde geht es jetzt wieder hoch bis zur Otto-Mayr-Hütte im hinteren Raintal. Wieder geht’s in den Regen, aber irgendwie stört der nicht mehr wirklich. Dort erstmal raus aus dem nassen Zeug, ab unter die Dusche und ein kuscheliges 6-Bett-Zimmer bezogen. Unten im Gastraum lassen wir dann gemütlich den Tag ausklingen. Die Otto-Mayr-Hütte ist eine dieser schönen alten Hütten – erbaut um 1900, sie gehört der DAV Sektion Augsburg und wird von einer jungen Familie bewirtschaftet. Und wenn eine hinreißende Siebenjährige mit dem Spendenkässel kommt und Dir mit großem Augenaufschlag Geld für die Bergwacht aus der Tasche zieht…

Coaching und Entspannung bei den Murmeltieren

Morgens geht´s dann zeitig los zur Murmeltierwiese mit der nächsten Entspannungs-Runde. Ohne Murmeltiere, leider, aber in dieser wunderschönen grünen Senke, umgeben von schroffen Felswänden, plätschert ein Bach. Die Sonne scheint und alles ist perfekt.

Jetzt machen wir uns bereit für den nächsten großen Abschnitt: Es geht ordentlich bergauf, etliche Leute kommen uns entgegen – fluchende junge Pärchen, eine Familie samt Hund mit viel zu kurzen Beinen, ein paar Wandergruppen und ein Rentner kurz vor dem Herzinfarkt, seine Frau schimpft wie ein Rohrspatz auf ihn ein – er will ja nicht hören, der Mann. Hochgekommen sind sie mit der Bergbahn.

Auf dem Kamm werden wir mit einem herrlichen Ausblick belohnt: Auf der einen Seite das weite, flache Land, auf der anderen die Felsen, in denen wir gestern rumgeklettert sind – diesmal von der anderen Seite. Wir machen Rast und teilen unseren letzten Proviant: Eine wilde Mischung aus Müsliriegeln, Studentenfutter und Dauerwurst. Egal, schmeckt prima und stärkt für den letzten Abschnitt. Wir vollenden unsere Runde, hoch oben laufen wir im Gänsemarsch wieder Richtung Tannheimer Tal. Zwischendurch gibt es Pausen mit kurzen Coaching- und Entspannungseinheiten, Kühe zum Streicheln (nicht für mich, ich halte Abstand von den sabbernden Riesentieren). Und wieder die schönsten Ausblicke,  runter auf den Haldensee, von dem wir gekommen sind.

Jetzt ist es wirklich fast zu Ende, dieses intensive und auch anstrengende Wochenende – vor allem aber war es wunderschön und herzerfrischend. Und ein paar Schätze nimmt jede Einzelne von uns mit nach Hause.

Informationen zu Cornelia Rüttiger und ihrem Angebot findet Ihr auf www.komm-in-aktion.de

 

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