Mai 23
2016

Solowandern am Nibelungensteig

Vorwort zur Wanderung am Nibelungensteig

Wenn ich an die Wanderkatastrophen meiner Kindheit denke, kann ich mir überhaupt nicht erklären, wieso ich das jetzt freiwillig mache. Wandern, das war für mich früher die Sonntagshölle, die Endlos-Folter, fürchterliche Langeweile kombiniert mit physischen Qualen. Zu heiß, zu kalt, zu nass, Hunger, Durst, aufgeschlagene Knie, Brennnesseln, Insektenbisse, Pferdescheisse. Eltern, zwingt Eure Kinder niemals zum Wandern.

Mit leichtem Gepäck in den Odenwald. Alleine.

Und jetzt das: Drei Tage wandern, und zwar alleine. Am Nibelungensteig im Odenwald. Der Nibelungensteig, ein Wanderweg mit rund 130 Kilometern Länge und insgesamt 4000 Höhenmetern, führt von Zwingenberg an der Bergstraße bis nach Freudenberg am Main. Oder umgekehrt.

Am Freitag ging es mit dem Zug nach Zwingenberg – mit leichtem Gepäck: Frische Wäsche und Socken, ein Zweitshirt, ein Pulli, Windjacke. Kein Beauty-Case, nur eine Zahnbürste samt Minizahnpasta, Miniduschgel, Minibürste. Und Sonnencreme und Sonnenhut. Außerdem: Wasser, Käsebrot, Apfel. Bargeld. EC-Karten sind im Odenwald noch nicht so verbreitet. Eine Kompass-Wanderkarte Odenwald-Bergstraße. Und mein iPhone.

Lindenfels

Erster Tipp für Nachmacher: die Kompass-App (gratis) und die passende Wanderkarte (2,99 Euro) runterladen. Auf der  Kompass Website funktioniert sogar Live-Tracking .  Der Weg ist hervorragend markiert, aber an manchen Stellen kann man die Markierungen leicht übersehen, oder sie sind nicht ganz eindeutig. Da ist es prima, wenn man per GPS schnell nachschauen kann, wie weit man vom rechten Weg, dem mit dem roten „N“, abgekommen ist – und ob man besser umdreht oder einfach querfeldein marschiert.

Die App habe ich schon am Anfang gebraucht, weil ich den Einstieg zum Nibelungensteig nicht auf Anhieb gefunden habe, und das obwohl der Weg eigentlich gleich am Bahnhof von Zwingenberg beginnt. Egal, wenigstens hab ich mir so noch einen Rundgang durch das wirklich hübsche Städtchen  verschafft.

Über den Melibokus zum Felsenmeer

Es geht gleich mit einem strammen Anstieg in die Weinberge los – nach ein paar schönen Ausblicken in die Rheinebene geht es  hoch  auf den Melibokus, und weiter am Ohlyturm vorbei zum imposanten Felsenmeer bei Reichenbach. Das Felsenmeer ist  sensationell, zwischen den wuchtigen Felsbrocken zu klettern ist auch für Erwachsene ein Riesenspaß. Oberhalb vom Felsenmeer habe ich noch eine Entdeckung gemacht: Ada´s Buka ist ein afrikanisches Restaurant mit einer herrlichen Terrasse und wunderbarem Weitblick. Und mit einem Parkplatz direkt am Haus – das wird bald ausprobiert. HIER könnt Ihr mal reinschauen.

Dann ging es weiter durch Reichenbach – wer wissen will, wie Deutschland 1963 war, sollte sich hier Zeit lassen und in die Vorgärten, hinter Zäune und Spitzengardinen spähen und die Gartenzwergkolonien und Stiefmütterchen-Beete bewundern. Nicht erschrecken, wenn hinter dem Tor der Deutsche Schäferhund losbellt und die Hausfrau mit Silberhaarperücke und Kittelschürze erscheint. Das ist vom Tourismusbüro organisiert, Willkommen in der Odenwaldhölle. Weiter geht es über das malerisch gelegene Hofgut Hohenstein. Hier könnt ihr sehr stilvoll heiraten, und als ich vorbeimarschiert bin, hat das auch gerade jemand getan, so richtig American Style mit kleinem Altar im Garten am Teich. Weiter ging es über den idyllischen kleinen Ort Knoden, der sich gerade gegen einen Windkraftpark zur Wehr setzt, und vorbei an friedlichen Lamas. Vor den Viechern hab ich echt Respekt!

Zeitmaschine Odenwald

Ich bin dann bis Schannenbach gelaufen und habe mich im Gasthaus „Zum Odenwald“ einquartiert, für knapp über 40 Euro pro Nacht inklusive Frühstück. Das Zimmer war der volle 1981-Flashback, mit Bad in konsequent durchgezogenem Currygelb. Also das Haus hatte seine besten Zeiten auch lange hinter sich, aber der Odenwald ist nun mal nicht bekannt für Boutique-Hotels. Hier ist Shabby Chic noch echt!

Und jetzt kommt gleich der nächste Super-Tipp: Wer nicht megasportlich ist, sollte sich nicht von der offiziellen Etappenplanung verleiten lassen, die erste Unterkunft in Lindenfels zu buchen. Das ist für uns Gewöhnliche viel zu weit – denn man läuft ja nicht nur Kilometer, sondern auch etliche Höhenmeter. Ich vermute, das ist eine Finte der verzweifelten Lindenfelser Hotelier-Lobby.

Bis Schannenbach zu laufen reicht völlig aus, ich war bei der Ankunft ehrlichgesagt ziemlich gemolken. Da gibt´s dann abends ein lecker Wanderschnitzel, und dem Dorfstammtisch (Tipp: Freitag!) zuzuhören ist eine Sensation. Wenn man der Sprache der Einheimischen mächtig ist. Aber ist eigentlich egal. Die ursprünglichen Odenwälder Bell- und Brummlaute samt finsterer Drohgebärden sollen ins Unesco Weltkulturerbe aufgenommen werden, hab ich gehört.

Die Wirtin hat mir übrigens erzählt, dass viele Wanderer in Schannenbach ankommen und schon aus dem letzten Loch pfeifen, aber ein Zimmer in Lindenfels gebucht haben und dann mit dem Taxi fahren. Wer das macht, verpasst einen wunderschönen Streckenabschnitt.

Den bin ich dann am nächsten Morgen frisch ausgeruht bei herrlichem Sonnenschein gelaufen – durch lichte Laubwälder, in denen die Sonnenstrahlen hüpfen, vorbei an moosbewachsenen Felsbrocken, über schmale Wege am Waldrand entlang mit den immer so herrlichen Ausblicken über die sanften Hügel des Odenwalds. Wie schade wäre es gewesen, einen so traumhaften Weg keuchend und fluchend  kurz vorm Schwächeanfall zurückzulegen, ohne einen Blick für all das Wunderschöne dieser Etappe.

Lindenfels, die ramponierte „Perle des Odenwalds“

Kurz vor Schlierbach lockt dann ein Kneipp-Becken, bevor es dann durch den hübschen Ort vorbei an liebevoll restaurierten Häusern mit „Mein-schöner-Garten“ Idyll zum knackigen Anstieg hoch nach Lindenfels geht. Vorbei kommt man am Freibad Lindenfels. Badeanzug einpacken lohnt sich, und Zeit ist dafür auch genug. Lindenfels liegt ganz herrlich hoch oben über dem Odenwald – und ist mit der imposanten Burg und dem schön restaurierten Bürgerturm auf jeden Fall eine Kaffeepause wert. Auf dem Bürgerturm hat man eine ganz tolle Rundumsicht, und bei den vielen Höhenmetern kommt es auf die paar Treppenstufen auch nicht mehr an.

Lindenfels war mal der Touristen-Magnet im Odenwald, und irgendwie hatte ich den Gedanken, dass es eigentlich bloß eine Handvoll junger Leute mit guten Ideen braucht, die ein paar schöne Frühstückspensionen, süße Cafés, nette Lädchen aufmachen, und jemanden der „Die Perle des Odenwalds“ dann ordentlich vermarktet, so dass die ganzen Hipster in Lindenfels Detox-Smoothies schlürfen, zum Frühstück Odenwälder Biokäse essen, und mit ihren Kindern Friedrich und Henriette schöne Wanderungen (ach nein nicht Wandern mit Kindern…).

Also zurück in die Realität. Was ich noch sagen wollte: Traut niemals den Kilometerangaben auf den Wegweisern. Die sind zum Teil völlig hanebüchen. Und überhaupt: Warum der Weg in Lindenfels hoch in den Wald führt, und man dann nach einer halben Stunde wieder unten in Lindenfels an einer anderen Stelle steht, ist mir ein Rätsel. Schon wieder Gastronomen-Lobby. Die wollen die Leute mit Gewalt festhalten.

Auf zur Walburgiskapelle. Halleluja!

Dann geht’s weiter über das Gumpener Kreuz. Wer es dort schafft, sich nicht von einem durchgeknallten Motorradfahrer totfahren zu lassen, kann sich auf einen schönen, langen und steilen Anstieg freuen. Der Nibelungensteig heißt „Steig“, weil´s dauern rauf und runter geht. Also nach runter in den kleinen Ort Weschnitz wieder rauf, über einen kleinen, verträumten Serpentinenweg: Zur Walburgiskapelle, einem kleinen Wallfahrtskirchlein. Von dort aus geht es dann auf nach Grasellenbach. Aus dem Wald herauskommend, läuft man direkt auf das Café Bauer zu: Pause machen, Kuchen essen!

Jetzt kommen die letzten Meter durch ein kleines Waldstück in den Ort. Übernachtungsmöglichkeiten gibt´s unter anderem im Hotel Gassbachtal, oder im Gasthaus Hagen. Dort habe ich mich einquartiert. Diesmal war das Badezimmer 80er Jahre moosgrün, ansonsten war alles ziemlich genau so wie in der Nacht davor. Das erste Hotel am Platz, der „Siegfriedbrunnen“, hat sogar ein Meerwasserschwimmbad. In meinem Aufzug und ohne Abendgarderobe war mir aber die rustikale Unterkunft deutlich lieber, und ich glaub dem Hotel auch.

Verwunschenes Fleckchen: Der Siegfriedbrunnen

Am Sonntag hieß es dann „Auf Wiedersehen, Rollator City“. Und dann führte der Weg zum sagenumwobenen Siegfriedbrunnen – dort, wo Hagen Siegfried angeblich heimtückisch das Schwert in den Rücken gebohrt hat, genau an seiner einzigen verwundbaren Stelle, an der Siegfrieds Frau Kriemhild arglos ein Kreuz in den Umhang gestickt hat, weil Hagen eigentlich versprochen hatte, Siegfried zu schützen, und dann hat Kriemhild den Hunnenkönig… ach, lest das Nibelungenlied doch einfach selbst! Auf MHD, wer sich traut!

Ernsthaft: Der Siegfriedbrunnen ist ein ganz verwunschener Ort, und wenn man das Glück hat, dass man an einem Sonntagmorgen ganz alleine dort ist, sich auf die Bank setzt, dem  Plätschern des Wassers zuhört und schaut wie die Sonnenstrahlen durch das Laub scheinen und auf den grünen Blättern und Farnen spielen, und dabei noch ein paar Schmetterlinge ihre Runden drehen, dann ist das einfach…Magic!

Weiter führt der Weg vorbei durch das Naturschutzgebiet „Rotes Wasser von Olfen“. In diesem Moorgebiet färben ganz besondere Algen das Wasser rot. Also angeblich rot. Jedenfalls war es nicht rot, als ich da war. Vielleicht war ich auch am falschen Wasser. Trotzdem – der Weg ist ganz traumhaft, man läuft auf ganz weichem Waldboden und es duftet, duftet, duftet…

Um den Ort Gumpen herum stimmt auf einmal die Wegmarkierung nicht mehr mit den Angaben meiner Wanderkarte überein – wem glaube ich jetzt, dem roten „N“ am Baum, oder der Kompass-App? Ich folge dann einfach der Markierung und wundere mich nur, dass die angezeigte Streckenführung offenbar ganz woanders verläuft.

Weiter ging es durch den Ort Güttersbach – auch hier liegen Cafés direkt an der Strecke – und im Freibad kann man sich eine Abkühlung gönnen. Oder man läuft einfach weiter über den Ort Hüttenthal bis zum Marbachstausee und hüpft dort ins Wasser. Der war dann auch meine letzte Station dieser drei Tage Solowandern. Von dort aus ging es nach Hause – und dort starte ich dann in den nächsten Teil des Nibelungensteigs.

Solowandern – Drei Tage alleine unterwegs

So, und wie war das jetzt mit dem alleine wandern? Toll war´s. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Menschen habe ich unterwegs auf den Wanderwegen so gut wie keine getroffen. Aber es gibt so viel zu schauen, so vieles zu bestaunen. Der Odenwald ist herrlich, diese schönen Hügel, die hellen, freundlichen Wälder, die sich dann zu blühenden Wiesen, saftigen Weiden und Streuobstwiesen mit knorrigen Apfelbäumen öffnen. Die Kühe, Pferde, Ziegen am Weg…

Wenn man alleine ist, dann ist man völlig fokussiert. Auf das was man sieht, riecht, hört. Oder eben auch auf die eigenen Gedanken. Wann hat man schonmal Zeit, drei Tage am Stück stundenlang seinen eigenen Gedanken nachzuhängen? Probiert´s einfach mal aus. Es gehört gar nicht furchtbar viel Mut dazu. Der Odenwald ist schließlich nicht Sibirien, und die nächste Ortschaft (und Wirtschaft) ist nie wirklich weit entfernt. Einfach machen, geht ganz easy.

Wer hat bis jetzt am Ende durchgehalten? Ihr dürft mir gerne einen Kommentar dalassen.

 

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Comments

  1. Super geschriebenen! Ich bin bisher nur die erste Etappe gelaufen (sogar bis Lindenfels ;o) ) aber dazu braucht es in der Tat ein wenig Übung. Habe große Lust auf die weiteren Etappen bekommen durch Deinen schönen Artikel.

  2. Liebe Anne-Katrin,
    das ist ein wirklich schöner Wanderbericht. Offen und ehrlich, ohne Verschnörkelung und trotzdem zeigst du genau das, was den Odenwald ausmacht. Pauschalurlaub kann jeder – Nibelungensteigwandern ist noch echtes Abenteuer :)

    Gerne würde ich deinen Bericht auf http://www.nibelungensteig.info verlinken. Hier haben wir in unserer Mediathek eine Rubrik „Reiseberichte“.

    Viele Grüße
    Loreen vom Nibelungensteig-Team

    • Hallo Loreen, ich freue mich dass Dir mein kleiner Bericht gefallen hat – und über eine Verlinkung freue ich mich natürlich auch. Viele Grüße, Anne-Katrin

  3. Liebe Anne-Katrin, so schön geschrieben, dass man ebenfalls Lust bekommt und ein toller Tipp für alle, die allein nicht mit einsam verwechseln…! Liebe Grüße, Gaby

  4. Claudia Weber says:

    Liebe Anne,
    Dein Erlebnis und Dein Artikel dazu hat mit sehr inspiriert, hat Spaß gemacht zu lesen! Jetzt möchte ich am liebsten gleich los laufen. :-)
    Die Intensität des allein Wanderns kenne ich ja schon zu genüge, und kann Deine Emotionen dazu nur bestätigen. Nur das ganze auch mal im Odenwald zu machen, ist für mich ein ganz neuer Ansatz. Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Claudia

  5. Sibylle Müller-Jehle says:

    Liebe Anne,
    das ist ja witzig! Seit Wochen spiele ich mit dem Gedanken, meine Sommerferien mal wandernd und am liebsten durch den Odenwald zu verbringen. Und jetzt lese ich deinen Bericht, der mich richtig fasziniert hat. Mich würde noch interessieren, ob Du die Zimmer vorbestellt hast, oder auf gut Glück dort angefragt hast. Und wie bist Du überhaupt auf den Gedanken gekommen, alleine loszulaufen?
    Ich freue mich auf Nachricht von Dir.
    Liebe Grüße
    Sibylle

    • Hallo Sibylle,
      nein ich habe keine Zimmer vorbestellt – ich wollte einfach schauen, wie weit ich komme und mir keinen „Etappenstress“ machen. Mir war ja klar, dass ich notfalls immer jemanden anrufen kann, der mich im Odenwald einsammelt.
      Und warum alleine: Dabei nimmt man viel mehr von der Umgebung wahr, und außerdem liebe ich kleine „Herausforderungen“ :-)
      Liebe Grüße und viel Spaß bei Deiner Tour!

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