Aug 11
2016

Die Villa Tugendhat – Ein Besuch

Es gibt Dinge, von denen hat man noch nie gehört. Dann tauchen sie plötzlich auf, und man ist vom ersten Moment an fasziniert. Mir ging es so mit der Villa Tugendhat. Ich gestehe: Ich interessiere mich nicht besonders für Architektur und hatte von dieser Ikone der Baukunst noch nie zuvor gehört.

Eine Dokumentation in irgendeinem Dritten Programm hat mich dann also dazu bewegt, ins Auto zu steigen und über 600 Kilometer weit zu fahren – nach Brünn in Tschechien, um mir ein Haus anzusehen. Ein Haus, in das jedes Jahr tausende von Menschen pilgern, ein richtungsweisendes Bauwerk, das unzählige Architekten rund um den Globus beeinflusst und geprägt hat.

Ein Haus, das von der Straße aus eher wie ein bescheidener Bungalow mit Garage aussieht. Und von sich von der Gartenseite aus wunderschön und geradlinig in die Landschaft einfügt. Im Obergeschoss schlichte Räume, deckenhohe Edelholztüren, Milchglaswände, eine klassich-moderne schnörkellose Einrichtung, die auch heute noch in jeder Wohnzeitschrift abgebildet sein könnte. Intelligent aufgeteilt, funktional und doch einladend.

Doch dann, wenn man die geschwungene Treppe zum unteren Geschoss herunterkommt, öffnet sich der große Wohnraum mit einer Fläche von rund 280 Quadratmetern. Tugendhat2Die damals völlig neue Stahlskelettbauweise war noch niemals zuvor für ein Wohnhaus genutzt worden – sie ermöglicht Geschosse ohne tragende Wände. Eine raumhohe versenkbare Fensterfront gibt den ungehinderten Blick nach draußen frei, so dass Wohnraum und der parkähnliche Garten fast verschmelzen. Doch wir stehen nicht einfach in einer großen Halle: Hier fließen unterschiedliche Bereiche harmonisch ineinander. Unterteilt ist der Wohnraum nur durch eine regelmäßige Reihe filigraner edelstahlverkleideter Kreuzpfeiler, durch Vorhänge, durch eine halbrunde Wand aus dunklem Makassar-Ebenholz, die den Essbereich umgibt – und durch eine atemberaubend schöne, durchscheinende Wand aus bernsteinfarbenem Onyx, die glüht und leuchtet, wenn Sonnenstrahlen darauf fallen.

Es ist ein Spiel mit Licht und Raum – für das ich keine Worte finden kann. Die unglaubliche Eleganz des Wohnbereichs hat mich beim Betreten sofort in ihren Bann gezogen – gleichzeitig strahlt dieses Haus eine Ruhe und freundliche Wohnlichkeit aus, die in einem so prächtigen Haus selten zu finden ist. Ob es im Rückzugsbereich der Bibliothek oder des Arbeitsbereichs hinter der Onyxwand ist, ob man den Blick auf den langen, schmalen Wintergarten an der Seite richtet, oder ob man neben den silbernen Säulen an der auf den Garten ausgerichteten Sitzgruppe steht: Man meint, den Geist und die Kultiviertheit seiner Erbauer noch zu spüren, und man sieht: Hier wurde nicht nur ein Kunstwerk geschaffen, sondern auch ein Haus zum Wohnen und Leben gebaut – ganz gleich wie repräsentativ es auch sein mag.

Der Architekt: Ludwig Mies Van der Rohe

Die Villa Tugendhat ist ein Werk des Architekten Ludwig Mies Van der Rohe, erbaut 1928/29 für das Unternehmerehepaar Grete und Fritz Tugendhat. Sie gilt als eines der bedeutendsten Wohnhäuser der Welt. Dass der Architekt solch ein bedeutsames Werk schaffen konnte, hatte vornehmlich drei Gründe: Ihm stand ein riesengroßes, parkähnliches Grundstück in Hanglage mit atemberaubendem Blick auf die Brünner Altstadt, die St. Peter-und-Paul Kathedrale und die Feste Spilberk zur Verfügung. Die Bauherren hatten zugesagt, ihm keinerlei gestalterischen Vorgaben zu machen und ihm auch die Wahl der Inneneinrichtung bis ins letzte Detail zu überlassen. Und das wohl Attraktivste: Es gab keine Budgetbegrenzung.

Kostbarer Onyx aus Marokko

Tugendhat1Und das hat Mies Van der Rohe ausgenutzt: Alleine die kostbare Onyxwand aus dem Atlasgebirge, die den Wohnbereich unterteilt, hat rund ein Drittel der gesamten Baukosten verschlungen.

Ich glaube nicht, dass selbst große Architekten häufig solche Bedingungen vorfinden. Aber stellt Euch  vor, wie radikal und mutig Grete und Fritz Tugendhat 1927 waren, als sie Ludwig Mies van der Rohe mit der Planung eines modernen Hauses beauftragten, für das es in dieser Form kein Vorbild gab.

Beeindruckend zeitgemäß ist im Übrigen auch die Haustechnik: Die riesigen Fensterfronten im Wohnbereich sind elektrisch versenkbar – und das System funktioniert noch heute einwandfrei. Ebenso wie die damals ganz neu konzipierte Klimaanlage und Heizung, denn ein Haus mit so viel Glas heizte sich im Sommer fürchterlich auf und kühlte im Winter schnell aus. Nicht vergessen: 1929!

Brünn liegt in Mähren, bis 1945 lebten Tschechen und Deutsche wie Österreicher viele Jahre lang einträchtig nebeneinander. Die Stadt war ein bedeutendes Wirtschaftszentrum – die Eltern von Grete Tugendhat waren jüdische Industrielle und gehörten zu den wohlhabendsten Familien des Landes. Wie auch die Familie von Fritz Tugendhat waren sie unter anderem in der Textilindustrie erfolgreich.

Wechselvolle Geschichte

In ihrem wunderbaren Haus lebte die Familie Tugendhat nur wenige Jahre – bereits 1939 verließen sie Brünn auf der Flucht vor den Nazis in Richtung Schweiz, dann nach Südamerika. Die Villa Tugendhat wurde von der Gestapo beschlagnahmt und während der Kriegsjahre vom Flugzeugkonstrukteur Messerschmitt bewohnt. Die Soldaten der Roten Armee nutzten die Villa später als Pferdestall, danach wurde das Haus zu einer Ballettschule, später als Reha- und Kindersportzentrum umfunktioniert. In den 1980-er Jahren wurde die Villa dann für offizielle Anlässe genutzt, 1992 wurde der Vertrag über die Teilung der Tschechoslowakei dort unterzeichnet.

Über die Geschichte dieses Hauses und der Familie gibt es viel zu lesen und zu sehen, zum Beispiel eine Dokumentation von der Zeit. Seit einigen Jahren gehört die Villa Tugendhat zum UNESCO Welterbe und wurde für rund sieben Millionen Euro zumeist aus EU-Fördergeldern originalgetreu restauriert, im Jahr 2012 wurde es dann wiedereröffnet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zum Glück waren viele Bauteile im Original erhalten, einige wurden nach Jahren an seltsamen Stellen wiedergefunden, andere wurden nach Fotografien rekonstruiert: Fritz Tugendhat war begeisterter Hobby-Fotograf und hat sein Haus in allen Details fotografiert.

Die Villa Tugendhat besichtigen

Ich bin also an einem Freitagnachmittag ins Auto gestiegen und habe mich auf den Weg nach Brünn, tschechisch Brno, gemacht. Untergekommen bin ich im Hotel Best Western Premier Hotel International Brno. Das klingt toller als es ist – es hat jede Menge Ostblockcharme, und an der Rezeption steht die erste Garde sowjetischer Kugelstoßerinnen, wie man meinen könnte. Das Hotel punktet aber mit bewachtem Parkplatz, super Frühstück und einer optimalen Lage direkt am Rande der Brünner Altstadt.

Wer sich die Villa Tugendhat anschauen möchte:  Pro Tag werden nur wenige und kleine Besuchergruppen ins Haus gelassen – so dass man die Tickets zumindest in den Sommermonaten auf jeden Fall zwei Monate im Voraus reservieren sollte: Online Tickets bestellen .

Wer sich eigens dafür auf den Weg macht, sollte am besten gleich für den nächsten Tag noch ein Ticket buchen. Obwohl die Führung sehr ausführlich ist, geht die Zeit zu schnell vorbei. So kann man nochmal eintauchen und alles in Ruhe anschauen, ohne sich auf die Führung zu konzentrieren. Und man kann das Haus zu unterschiedlichen Tageszeiten und Lichtverhältnissen sehen.

Die Villa ist in der Literatur nicht unumstritten – vor allem wurde immer wieder kritisiert, dass sich die Familie Tugendhat dem Diktat des Architekten soweit unterworfen habe, dass es niemand wagte auch nur ein Möbelstück zu verrücken. Ein „nicht genehmigtes“ Klavier sollte eigens für einen Besuch des Architekten dann in den Keller gestellt werden. Es passte allerdings nicht durchs Treppenhaus und die Erleichterung war groß, als der Besuch dann abgesagt wurde. Die Familie muss jedenfalls sehr gerne in dem Haus gelebt haben: Grete Tugendhat hatte in Briefen berichtet, dass sie immer erleichtert war, wenn sie nach einem längeren Aufenthalt irgendwo wieder in ihr lichtes, helles Zuhause zurückkehren konnte.

Was mich am meisten fasziniert: Aus der heutigen Zeit betrachtet mag das ja alles nichts Besonderes sein – aber wenn man sich vor Augen führt, wie in den zwanziger Jahren der vorherrschende Bau- und Wohnstil war, dann wird erst klar, wie innovativ dieser Ansatz war. Wo Menschen gewohnt waren, in dunkle Eingangsbereiche zu treten und in plüschigen Salons zu stehen, wo geschnörkelt und verziert wurde was das Zeug hält, muss die Villa Tugendhat wie ein fehlgeleitetes UFO gewirkt haben. Ob die Architektur den Menschen formt, wie es der Plan der Bauhaus-Schule war?

Wunderschöne Bilder gibt es im Bildband „The Tugendhat House – a space for art and spirit“ ISBN 978-80-86871-17-2. Und nach dem Besuch empfehle ich die Brauerei Pegas – leckeres Bier und Böhmische Knödel mit Gulasch.

Hast Du die Villa Tugendhat schon mal besucht? Wie waren Deine Eindrücke? Ich freue mich über Kommentare!

 

 

 

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